Nachdem die anderen Freiwilligen Anfang Januar wieder abgereist sind und auch die Schüler Ferienbeginn hatten, haben wir uns in Lanping streng nach Plan an die Projekte gemacht. Dazu wurde der Kontakt mit dem Sozialministerium hergestellt und nach deren Vorgaben aufgrund der Feierlichkeiten der Plan angepasst. Es stand somit eine Sammel- und eine Verteilaktion für Mitte Januar an. Wir haben in der Vorbereitungszeit Flyer gestaltet, gedruckt und verteilt, das Sozialministerium hat Plakate aufgehängt und es wurden Klamotten schon mal vorsortiert. Außerdem machte ich mich an die Gestaltung einer Zahnputzgeschichte und einem Erklärungsplakat, wie man sich gründlich die Hände wäscht.
Somit waren wir tagtäglich sehr beschäftigt – vor allem da Katharina für drei Tage krankheitsbedingt ausfiel – und es näherte sich der 14. und 15. Januar, unser Sammelwochenende. Da am Vortag beim Einstudieren der Lieder, die wir als Entertainmentprogramm vortragen wollten, es regnete musste außerdem noch schnell ein Unterstand besorgt werden. Es zeigte sie aber wieder wie hilfsbereit die Chinesen sind und nachdem wir in zwei Läden gefragt hatten, hatten wir auch Zusagen für zwei einfache Pavillons. Somit stand der Sammlung nichts mehr im Wege.
Am Samstag haben wir mit einem Zugwagen, den wir uns von der Schule liehen, einen Schreibtisch und andere Materialien zum großen Hauptplatz gebracht und unter unseren Pavillons im Schutz vor dem Regen unseren Stand aufgebaut. Aufgrund des Regens blieben jedoch wenige Passanten stehen und die meisten has
teten vorbei. Es kamen fast nur Spenden über unsere Werbung zusammen. Außerdem hatten leider auch weniger unserer Freunde Zeit uns zu helfen und zu dolmetschen, da viele auf der Heimreise fürs chinesische Neujahr waren. Etwas enttäuscht und geschafft ging es dann mit zwei Kisten Klamotten und etwas eingenommenes Geld zurück. Die Sonne machte dem Sonntag dann aber alle Ehre und wir zogen wieder mit unserem Wagen hoch motiviert zum Platz. Kurz gesagt: Die Sonne schien, viele informierten sich und es gab vor allem viele Geldspenden.
Dazwischen geschoben haben wir am Samstagabend einen Discobesuch. Da wir eigentlich vor hatten, die vielen Spenden zu sortieren, aber schneller fertig waren, als gedacht, ging es also abends noch spontan los. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten der Laune, kamen aber immer mehr Freunde von uns, sodass der Abend sehr unterhaltsam war. Außerdem lernte ich noch viele andere Clubbesucher lernen; die Stimmung stieg im ganzen Club, was auch mit dem hohen Alkoholpegel aller Besucher zusammen hing. Leider kippte sie immer weiter, als erst eine Freundin von mir von einem Besoffenen geschlagen wurde und ich dazwischen ging. Weiterhin hat sich jener Trunkene noch mit jemand anderen angelegt, und in dem entstanden Handgemenge auf einen Tisch gesetzt, der daraufhin zusammenbrach und eine weitere Freundin von mir traf, die daraufhin ohnmächtig zusammensackte. Zu zweit haben wir sie dann in Sicherheit gebracht und uns um sie gekümmert, während die anwesende Polizei den Unruhestifter immer noch nicht rausschmiss. Am Ende ist es bei einer weiteren Diskussion zwischen ihm und derjenigen, die er vorher schon geschlagen hatte eskaliert. Beide Freundeskreise beschimpften sich und ich stand in der Mitte und hielt sie auseinander, damit sie sich nicht schlagen konnte. Erst als dann eine Dose Pfefferspray von der Polizei direkt vor meinem Gesicht den Keifenden entgegengesprüht wurde und unser Freundeskreis nach und nach sich draußen versammelte, kehrte langsam wieder Ruhe ein und wir verließen das Tong Bao Hotel.
Am Sonntagabend und montags wurde dann alles für die Verteilaktion vorbereitet. Es wurden Klamotten sortiert, Jacken repariert und Handschuhe eingekauft. Alles gut verpackt haben wir die Kartons dann noch am Abend zum Busbahnhof gebracht, damit wir auch ohne Probleme starten konnten. Los ging es also am Dienstagmorgen mit dem Bus nach Hexi, dort haben wir alle Pakete abgeladen und auf einen Minibus gepackt, der uns dann zum Treffpunkt am Fuße des Berges auf dem das Dorf Bailong liegt fuhr. Dort angekommen mussten wir noch auf den Lehrer und sein Auto warten, wurden aber nett von den dortigen Kraftwerkangestellten aufgenommen und bewirtet. Außerdem trafen wir unsere Mitfahrgelegenheit für die Rücktour, da ein Mann mit seinem Privatwagen ebenfalls am nächsten Morgen zurück nach Lanping wollte und uns anbot uns mitzunehmen. Schließlich kam der Lehrer der Bergschule und es ging wieder den steilen Felsbrockenweg hoch, den wir schon im November kennen gelernt hatten.
Oben angekommen, waren leider noch keine Schüler an der Schule, da auch jene Schüler Ferien hatten. Aber der Schulleiter ließ alle Kinder aus dem Dorf kommen, sodass wir nach kurzer Wartezeit 13 kleine, frierende und schüchterne Kinder vor uns wiederfanden. Wir begannen mit der Verteilung der Klamotten, welche auch bitter nötig war, da bei Temperaturen um den Gefrierpunkt die Kinder dünne Hosen und Jacken trugen und teilweise weder Socken noch richtige Schuhe vorhanden waren. Den Jungs zog ich deswegen auch gleich die neuen, warmen
Jacken an. Anschließend konnten wir die Kinder endlich dazu bringen, ihre Schüchternheit zu überwinden und es wurde fröhlich Luftballons hinterher gerannt, Seil gesprungen, Limbo- und Hochsprungwettbewerbe durchgeführt und alles begleitet von dem Gelächter der Eltern, die mitgekommen waren. Als wir uns dann alle dreckig gespielt hatten, ging es ans Händewaschen. Mit einem Plakat erklärten wir den Kindern, was zu tun sei und jeder bekam eine Waschschüssel und Seife. Zusammen mit ihnen wurden die Hände sauber gewaschen. Anschließend hat der Schulleiter die Zahnputzgeschichte vorgelesen und den darin erwähnten Zahnmonstern ging es mit eigner Zahnbürste und –Pasta an den Kragen. Aufs Gründlichste gereinigt gab es auch noch Creme gegen die trockenen und teils warzenbesetzten und wir sangen begleitet von Janniks Gitarre noch zwei Lieder. Somit brachen die Kinder vollgepackt wieder nach Hause auf.
Abends saßen wir dann in der Küche am Feuer und wollten die Fotos begutachten, die der Lehrer vermeintlich mit meiner Kamera geknipst hatte. Leider hat er nach den ersten beiden Bildern nur noch die Kamera an- und ausgeschaltet, wodurch uns viele Bilder für Berichte und weitere Werbung abhanden kamen. Die wenigen Bilder, die Pauline noch nebenher machte, sind zwar gut, aber zum Beispiel das Bild mit mir und dem Mädchen durch das kältebedingte Gesicht des Mädchens für Werbung unbrauchbar. Trotzdem wurde der Abend nett ausgeklungen und wir konnten wieder in Betten an der Schule übernachten. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, hatte es auch geschneit und wir konnten auf dem Rückweg die weiße Landschaft bewundern.
Aufgrund der teils desolaten Fußbekleidung und weil wir die Hygieneumsetzung noch mal prüfen werden, haben wir uns für einen weiteren Besuch an der Schule Ende März angemeldet. Zur Vorbereitung wurden dazu auch alle Schuhe schon mal sortiert und verpackt.
Am darauffolgenden Wochenende sollte es dann eigentlich zu einer Schülerin ins Heimatdorf gehen um die Feiertage zusammen zu feiern, doch jene sagte aufgrund ihrer erkrankten Großmutter ab. Also entschieden wir uns spontan der Einladung unseres ehemaligen Spitzels nachzukommen und fanden uns in dem nicht weit entfernten Dorf Lailong wieder. Dort kam seine ganze Familie zusammen und wir spielten den ganzen Abend über Majiang, während die kleinen Kinder immer wieder hereinkamen um die verbleibende Zeit bis Mitternacht zu erfahren. Dass die Chinesen Feuerwerkskörper erfunden haben, stellten sie auch eindrucksvoll unter Beweis, obwohl nur zwei Dorfbewohner ihr Geld in den Himmel schickten.
Am Neujahrstag habe ich mich dann mit dem Hausherrn etwas unterhalten und er lud uns ein den Xuebangshan zu erklimmen. Das ist jener Berg, dessen Gipfel seit einiger Zeit eingeschneit ist und der höchste in der Umgebung. Wir ließen uns diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen und machten uns nachdem
Mittagessen auf den Weg. Katharina musste leider nach einem Viertel der Strecke schon umdrehen, jedoch hielten Pauline und ich durch. Nachdem Erklimmen der ersten Anhöhe ging es durch einen Wald immer höher, bis man nach der Baumgrenze steile Grashänge und Gerölllawinen erklomm. Insgesamt misst der Berg 4486m Höhe, wobei wir bei ca. 3950m zeitlich bedingt zur Rückkehr gezwungen waren. Der Ausblick war dennoch atem-beraubend. Auch der Rückweg hatte es mit einem Schnee-Felsenabhang in sich und man versank immer wieder bis zum Knie. Zum Abendessen kamen wir wieder im Dorf an und anschließend ging es ziemlich direkt wieder ins Bett.
Wie auch bei uns in Deutschland oftmals üblich ging es auf darauffolgenden Tag zur mütterlichen Seite der Familie und während Pauline und Katharina noch schliefen, fuhr ich zusammen mit dem Hausherren in den Nachbarteil des Dorfes und ich lernte weitere Familienmitglieder kennen. Nachdem reichlichen und köstlichen Mittagessen für alle 16 Gästen ging es mit Katharina und Pauline zurück nach Lanping.
Die Beiden sind am nächsten Morgen auch in den Urlaub gefahren, während ich mit Chinesen noch die letzten Tage in Lanping verbracht habe, bis auch ich am morgigen Tag aufbrechen werde. Erwähnenswert ist dabei noch mein gestriger Besuch einer chinesischen Beerdigung, da von einem Freund der Großvater verstorben war. Es sind alle Dorfbewohner und Verwandten gekommen, die von dem im offenen Sarg liegendem Leichnam Aabschied nahmen. Auch ich bezeugte vor dem geschmückten Raum mit Hinknien und Verbeugen meinen Respekt. Anschließend gab es noch ein gemeinsames Essen und der Abend wurde ausgeklungen. Erzählt wurde mir außerdem, dass über Nacht die männlichen Verwandten die am Sarg Wache hielten, ehe am nächsten Tag der Leichnam zum Familiengrab am Berg gebracht werden würde. Die Stimmung war die ganze Zeit über sehr aufgelockert und es wurde viel über die Person geredet. Einzig die Trauergesänge oder das Trauerflötenspiel dämpfte die Stimmung.
Für mich geht es dann Morgen in den ersten Teil meines Urlaubs und nach einer Woche werde ich mit neuen Bildern und wieder zurückkehren. Nach ein paar Aufenthaltstagen geht es dann in die zweite Woche des Reisens, ehe ich nach einem weiteren Besuch in Liuku zur Visumsverlängerung Ende Februar wieder in den Schulalltag übergehe.
Bis dahin verbleibe ich mit besten Grüßen aus Lanping!
Maik
(geschrieben am 28. Januar 2012)