ich habe mich jetzt so selten gemeldet, dass sich mein schlechtes Gewissen bemerkbar gemacht hat. Deswegen berichte ich jetzt mal von allem, was hier am anderen Ende der Welt so mit mir passiert ist.
Vietnam ist das Land mit den meisten Verkehrstoten...wen wunderts?
Meine ersten 4 Wochen habe ich in einem Guesthouse der Uni Hanoi zugebracht, einer Art Jugendherberge mit dem gewissen Etwas an Knastflair, zum Mindest im Bezug auf Innenhof und Flure, die Zimmer (Doppelzimmer) an sich waren soweit in Ordnung.
Ich hatte das ausgesprochene Vergnügen mein Zimmer mit dem einzigen bekennenden Schwulen der insgesamt 27 Mann starken Freiwilligengruppe zu teilen. Der Gute hört auf den Namen Yannick und ist genau wie ich jetzt in Can Tho, wo er es letztendlich, nach einer ziemlich schwierigen Anfangsphase, mit der Gruppe arrangiert hat. Grund für genannte Anfangsschwierigkeiten ist weniger die von ihm häufig und überall vermutete, latente Homophobie der meisten Heteromänner, als vielmehr die Tatsache, dass Yannick außer der eigenen Homosexualität, Homosexualität allgemein und den verschiedenen Vorzügen der diversen Sprachen unseres schönen Planeten, wenige Gesprächsthemen zu kennen scheint.
Da ich mich selten in meinem Zimmer aufgehalten habe, sondern eigentlich durch den Vietnamesischsprachkurs (ab 12.00 bis 16.00), allmorgendliches Pumpen im nahe gelegenen „Fitnessstudio“, regelmäßige organisatorische Treffen mit den Leuten vom DED und regelmäßige Partyausflüge mit meinen zu diesem Zeitpunkt noch zukünftigen Kollegen aus der Can Thoer Gruppe in die Altstadt Hanois recht gut in Atem gehalten wurde, waren die regelmäßigen Diskussionen mit meinem werten Zimmernachbarn über Schwulenehe, Schwulenrechte international und alles andere, was die Thematik sonst noch so hergibt, auch nicht weiter tragisch.
Auf jeden Fall kann mir jetzt niemals ein Schwuler oder Bisexueller oder irgendein anderer, sexuell
wie auch immer gepolter Zeitgenosse mehr vorwerfen, mich mit der Thematik nicht genug befasst zu haben, weil ich nicht nur viel diskutieren und meine eigenen Ansichten auf potenzielle Homophobie analysieren musste, sondern mit Yannick gefühlte 20 Youtube-Dokus zu irgendwelchen Themen dieses Fachbereiches geguckt habe, was mir fürs erste meine in Deutschland lieb gewonnenen Youtube-Dokus zu Entspannungszwecken, vergällt hat.
Die anderen Hanoi-Hauptaktivitäten Sprachkurs und Fitnessstudio waren insgesamt eher Zeitfüller, die wenig Eindruck auf mich gemacht haben, wobei das weder für noch gegen dieselben spricht. Das Fitnessstudio war zum Glück nur geschätzte 200 Meter von unserem Guesthouse entfernt, hatte fast immer geöffnet und hat im Monat umgerechnet nur gute 6 Euro gekostet, wofür man allerdings Temperaturen, die jedem mitteleuropäischen Temperaturempfinden spotten, und Geräte wie in einem südamerikanischen Gefängnishof, in Kauf nehmen musste. An die Angewohnheit der Vietnamesen, ihre verschwitzten Oberkörper ohne T-Shirt oder den hygienischen Effekt eines untergelegten Handtuchs auf die Geräte zu schwingen, werde ich mich glaube ich auch nie gewöhnen.
Unsere Sprachkursgruppe (von oben links): Alex S., Marian, Alex, Philip, eine Lehrerin, Mariam, Jonas, Jana, Felix, Kian, ich, Julien und Flo
Der Sprachkurs war auch nicht weiter aufregend, sondern hat lediglich so viel gefordert, dass man morgens irgendwie motiviert war aufzustehen und hat darüber hinaus allerdings keinen Stress oder anderes Unbehagen verursacht. Von der Gestaltung sah der Kurs so aus, dass wir in zwei Gruppen a um die 13 Leute in einer Morgen- und einer Abendschicht jeweils 3 Stunden Unterricht in vietnamesisch erhalten haben, der auf den ersten Blick wenig Unterschiede zu jedem anderen Schulunterricht der letzten Jahre aufwies.
Höhepunkte der Zeit in Hanoi waren mit Sicherheit die Abende in der Altstadt, wo wir von den ehemaligen Freiwilligen, die wir einige Male in vom DED organisierten Treffen über unsere Einsatzplätze ausfragen konnten, quasi deren Stammclub, das „Hair of the Dog“, erbten, ein kleiner, etwas ranziger Club, der den Vorteil hat, dass man mit Hilfe von Youtube an einem bereitstehenden Rechner seine Musik selber aussuchen kann.
„Hair of the dog“ nennt man übrigens das alkoholische Getränk, das man nach einer durchzechten Nacht gegen einen Kater trinkt...
Die ehemaligen Fw stellten sich als ein ziemlich chaotischer und irgendwie stetig betrunkener Haufen heraus. Mein erstes Zusammentreffen mit ihnen gestaltete sich so, dass zwei von ihnen, zufälligerweise sogar welche aus Can Tho, morgens um 5.30 mit einer halbleeren Flasche Vodka vor meinem Bett standen, weil der vietnamesische Portier ihnen aus irgendwelchen Gründen mein Zimmer hatte geben wollen. Von meinem jetzigen Mitbewohner Felix habe ich später erfahren, dass er den selben zwei Obdachsuchenden eine halbe Stunde später, nachdem sie auch an seiner Zimmertür gescharrt hatten, noch half den Vodka ganz zu vernichten.
Ich erzähle diese Anekdote jetzt nur, damit sich in 9 Monaten niemand wundert, wenn ich die Trinkfestigkeit eines irischen Hafenarbeiters zeige.
Die Tage in Hanoi waren aber mal von solchen Erfahrungen abgesehen in erster Linie durch eine sehr schlechte Internetverbindung, exzessives Schwitzen, daraus resultierend häufiger Handwäsche und täglichen anderthalb Stunden Busfahrt (45 Minuten zum Sprachkurs, 45 Minuten zurück) gekennzeichnet. Letztgenannte haben es gegen Ende geschafft mich regelmäßig die Fassung verlieren zu lassen und in wütende, doch ziemlich rassistisch gefärbte Schimpftiraden über das Verhalten von Vietnamesen in viel zu überfüllten Bussen, auszubrechen, was angesichts der Tatsache, dass Vietnamesen doch mehr als dreist drängeln und schubsen und die Ellenbogen vieler weiblicher Drängler ziemlich präzise auf der Höhe meiner Eier platziert sind, durchaus nachvollziehbar sein sollte.
Ein Highlight und nach drei Wochen bitter nötige Abwechslung stellte eine zweitägige Tour der gesamten Gruppe in die Halong-Bucht dar, eine touristisch mehr als nur erschlossene Bucht, die man als guter europäischer Tourist in Vietnam mit einem der 400 Schiffe, auf denen die Passagiere mit wunderschönen Kabinen und recht gutem vietnamesischen Essen verwöhnt werden, zu bereisen pflegt. Und da wir nun einmal gute europäische (Freiwilligen-) Touristen sind, haben wir genau das getan. Die Bucht stellte sich auch als wirklich ganz anschauliches Panorama heraus, allerdings hatte ich erwartet, dass sich die anderen Touristenboote wenigstens so weit entfernen würden, dass man die Illusion erhalten könnte, fern ab der Zivilisation zu sein...falsch gedacht. Es sah nachher vielmehr so aus, als sei die Halong-Bucht die größte Touri-Massenabfertigung aller Zeiten, weshalb wir in er ziemlich überfüllten Bucht eben auch immer zu mindestens zwei, mit unserem identischen Booten Sichtkontakt hatten.
Zu allem Übel wurde ich auch noch, als ich unter der Dusche stand, von einem bis heute Unbekannten in dem von außen verriegelbaren Badezimmer eingesperrt, weswegen ich einen Gang des wirklich ziemlich guten Abendessen verpasste und den Stress hatte, nach über einer Stunde Gefangenschaft die Badezimmertür mit einer aus der Halterung gerissenen Handtuchstange zerlegen zu müssen. Trotz alledem erfüllte die Tour ihren Zweck uns einmal aus Hanoi mit seinem permanenten Lärm und Gedränge, den vielen Menschen, den beengenden Gefühl des Jugendherbergslebens und dem nach drei Wochen bereits erschöpfend eintönigem Alltag, weg zu bringen.
Es könnte hier so malerisch sein...
Unsere Zeit in der Hauptstadt wurde durch ein brutale letzte Erinnerung, die uns Hanoi offensichtlich noch mit auf den Weg geben wollte, beendet: Nach einem der oben genannten Abende im „Hair of the Dog“ wurde ein Mitglied unserer Gruppe, die dem Alkohol zu sehr zugesagt hatte, von zwei Kerlen mitgenommen und den Rest der Nacht in deren Wohnung festgehalten und vergewaltigt, bis sie in den sehr frühen Morgenstunden entkommen und mit dem Bus in die Nähe des Guesthouses gelangen konnte, wo andere Gruppenmitglieder sie an der Bushaltestelle vorgefunden haben.
Der Mekong, bzw. einer seiner Seitenarme...
Angesichts dessen fiel es uns anderen umso leichter Hanoi hinter uns zu lassen und am nächsten Tag in unsere Einsatzorte aufzubrechen, in meinem Fall Richtung Süden, ins schöne, beschauliche Mekong-Delta, genauer gesagt nach Can Tho, die „Hauptstadt des Südens“.
Can Tho ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und ist in ihrer Größe in etwa mit Kiel zu vergleichen, besitzt ein College, zwei Universitäten und mehrere private Einrichtungen solcher Art, Sprachzentren, Volkshochschulen, etc., darf also durchaus als Studentenstadt bezeichnet werden. Eigentlich mangelt es hier an nichts: Restaurants, Straßenkaffees, Billardsalons oder Playstationhallen füllen einem die Tage mit günstiger Entspannung, drei große Supermärkte sowie mannigfaltige Straßenstände führen alles, was man so benötigt, in ihrem Sortiment, es gibt Fitnessstudios verschiedener Qualität und Preisklasse sowie einen Sportplatz mit Kunstrasenfeldern und für die nötige Verbrämung zwischendurch sorgen kleine Straßenkneipen, sog. „Bia Hoi“, oder die drei größeren Clubs auf der Livestyleinsel in Can Thos Norden. Massagen, Saunas und Dampfbäder gibt es überall, wobei man auf ein exklusiveres Ambiente (3 Euro oder mehr für eine Stunde Massage) achten oder die günstige „Blindenmassage“, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für visuell eher eingeschränkte, wählen sollte, sofern man nicht in einem Salon landen möchte, wo wirklich jedes Körperteil massiert wird...zum Glück ist aber erst einer von meinen Freunden hier in die Situation gekommen, kleine vietnamesische Hände von seinem besten Stück vertreiben zu müssen; der Rest von uns ist jetzt gewarnt.
In Can Tho, welches auf uns alle erstmal einen durchweg guten Eindruck machte, angekommen, mussten ich und meine beiden Mitbewohner Alex und Felix feststellen, dass unsere Wohnung zwar recht geräumig, dafür aber auch beinahe vollkommen leer war und unser einziger Eingang zu den eigenen 4 Wänden durch den Friseursalon unserer Vermieter führte. Das Grundstück neben unserem nutzen selbige Vermieter, um für sich selber ein Haus hochzuziehen, da wir offensichtlich das ihre etwas früher als von ihnen erwartet zu besetzen gedachten.
Da uns zu diesem Zeitpunkt versprochen wurde, dass die Vermieter ihr eigenes Haus, in welchem sich unsere Garage mit eigener Eingangstür befinden solle, innerhalb von 4 bis 6 Wochen fertig stellen würden, haben wir uns jedoch schnell mit dem Gedanken angefreundet, erstmal auf einer halben Baustelle zu hausen.
Als kleine Entschädigung für die halb gare Wohnsituation wurde uns bei unserem Vorstellungsgespräch in unserem zukünftigen Einsatzplatz, dem College Can Tho, mitgeteilt, dass wir die ersten 2 Wochen frei hätten, um uns Zeit zur Akklimatisierung zu geben.
Wenn ich im folgenden übrigens permanent von „uns“ sprechen sollte, sind damit Alex, Felix und ich gemeint; da wir geschätzte 80 % unserer wachen Zeit miteinander verbringen, decken sich „ich“ und „wir“ in diesem Fall nahezu.
Diese 2 Wochen unerwarteter Freizeit haben wir also ausgiebig der Einrichtung unseres Heimes gewidmet: erstmal mussten wir die wenigen Möbel, die uns die Vermieter neben Betten und Kleiderschränken hinterlassen hatten, gründlichst putzen, was uns schon einmal geschlagene 2 Tage kostete. Darauf stellte sich die Frage, wo wir kostengünstig ein Sofa o.Ä. her bekommen sollten, eine Frage, deren Klärung uns unter anderem auf einen kleinen Autofriedhof führte wo wir für umgerechnet 15 € stolze Besitzer zweier ausgebauter Busbänke wurden, die seither unseren Balkon zur perfekten Shisha-Ecke machen. Ein paar Teppiche, eine selbst-gebastelte Pinnwand und ein Whiteboard haben es dann auch endlich geschafft, unser Wohnzimmer echofrei zu bekommen. Inzwischen haben wir außerdem eine ziemlich stylische, schwarze Sofagarnitur und die besten Boxen, die es in Can Tho für unter 40 € zu finden gab.
Wie transportiert man eine Busbank auf einem Moped?
Unsere ersten 2 Wochen in Can Tho waren so in erster Linie vom Einrichten, Stadterkunden und gemeinsamem Entspannen auf unserem WG-Balkon geprägt. Alex und Felix, mit denen ich in Hanoi außerhalb der „Bia Hoi“ wenig zu tun hatte, haben mich beide als Mitbewohner extrem positiv überrascht, was meine Einstellung gegenüber diesem gesamten Unterfangen, ein Jahr in der Ferne zu leben, beachtlich verbessert hat. Zu meiner Überraschung decken sich unsere Interessen, unser Musikgeschmack (beide kannten SDP) und, vermutlich das wichtigste, unsere Vorstellung davon, wie unser WG-Leben aussehen soll, auf verblüffende Art und Weise.
Unterbrochen wurde diese neu eingespielte Beschaulichkeit allerdings bereits ehe wir uns so recht an sie gewöhnen konnten:
Auf dem Rückweg aus der benachbarten Provinz Long Xuyen, in der seine Freundin Caro, deren Namen im folgenden bestimmt auch noch das ein oder andere Mal fallen wird, wohnt, ist Felix, seitlich von einem Kleinbus gerammt worden, als er recht langsam mit einem gemieteten Moped am rechten Fahrbahnrand unterwegs war. Davon trug er einen doppelten Schienbeinbruch, an den Stellen, an denen die Kanten der Stoßstange des Busses das Bein getroffen hatten, und einen erhöhten Respekt vor dem Fahren mit einem Roller davon. Zu allem Unglück griff sein Versicherungsschutz nicht, weil er ohne Führerschein gefahren war, und seine Eltern mussten seinen einwöchigen Aufenthalt im Saigoner Krankenhaus aus eigener Tasche bezahlen...wenn's kommt, dann kommt's eben dick.
Nun ja, Quintessenz ist, dass Felix seit jenem Tage auf Krücken unterwegs und somit zu sportlichen, touristischen, oder jeglichen anderen Aktivitäten wenig zu gebrauchen war und auch für volle drei Monate von der Arbeit im College freigestellt wurde. Als zeitlicher Ausgleich für die vielen nicht schaffbaren Aktivitäten, hat Felix daraufhin mit O-Game angefangen, was nach einiger Zeit und mit seinem zunehmendem Erfolg in der Tabelle zu einem nicht zu unterschätzenden Problem für unser Zusammenleben wurde. Zum Glück hat „How I met your mother...“ (wir haben alle Staffeln inzwischen durch) uns die Lösung für die Aufgabe, Felix von seiner O-Game-Sucht zu befreien, quasi auf den Präsentierteller gelegt: Intervention!!
Für alle jene, die beim Verfolgen von „How I met your mother“ nachlässig waren, bei einer Intervention geht es darum, nervtötende Angewohnheiten von Mitmenschen zu kurieren, indem man sich in einer Gruppe der nächsten Angehörigen trifft und der betreffenden Person vorbereitete Briefe vorliest, in denen geschildert wird, warum einen die betreffende Angewohnheit stört und welche Konsequenzen sie für das Zusammenleben hatte.
Für Felix O-Game-Intervention konnten wir leicht eine Gruppe von 6 Leuten finden, die bereit waren ihm zu helfen und sehr ernste und mitfühlende Briefe zu verfassen. Nach anfänglichem Protest und einem Durchlaufen der 5 berühmten Stufen der Trauer, hat er dann auch tatsächlich seinen O-Game-Account gelöscht.
Während all diesen brisanten Ereignissen im virtuellen Raum haben Alex und ich unsere Stelle im College angetreten, allerdings beschränke sich unsere Arbeit die ersten zwei Wochen auf das gemeinsame Beobachten des Unterrichts. Die folgenden Wochen, in denen wir langsam eigene Unterrichtseinheiten übernahmen und immer häufiger von den Lehrerinnen mit den bis zu 45 Studenten starken Englischklassen alleine gelassen wurden, brachten dann ein neues Problem mit unserer Arbeitsstelle mit sich: unsere Chefin, die Leiterin des „foreign laguage center“, Ms Oanh möchte uns offensichtlich weniger als Lehrer denn als Werbemittel für das College, was mit sich brachte, dass Alex und ich in jede noch so sinnlose Englisch-Anfänger-Klasse geschickt wurden.
Das Niveau auf dem sich die Studenten hier befinden ist, angesichts der Tatsache, dass sie im selben Alter anfangen Englisch zu lernen wie wir, erschreckend niedrig, sogar bei jenen, die Englisch als Hauptstudienfach belegen. Entsprechend schwieriger ist es dann noch einmal, mit Studenten zusammen zu arbeiten, die Englisch nur als Zweitfach belegen mussten und die dann in ihrem dritten Studienjahr Komparative lernen.
Aus diesem Grund haben Alex, die Lehrerinnen und ich auch nach kurzer Zeit bei Ms Oanh Protest eingelegt und unterrichten seit dem nur noch „mature students“, was unsere Arbeitssituation enorm verbessert hat.
Irgendwo auf diesem Bild ist ein Westler versteckt.
Insgesamt ist unser Arbeitsplatz mit Sicherheit der beste in Can Tho, wir arbeiten meist sehr wenig, haben zwischen 10 und 15 Wochenstunden und können zur Not immernoch blau machen, sollte der vorhergegangene Abend im „Bia Hoi“ zu leberintensiv gewesen sein. Die Arbeit an sich ist auch in Ordnung, die Studenten und vor allem die Studentinnen sind unglaublich schüchtern und haben scheinbar nur in den aller seltensten Fällen so etwas wie eine eigene Meinung oder den vollständig ausgebildeten Charakter eines Erwachsenen von 20 bis 22 Jahren, aber dadurch kommt man nur weniger in die komische Situation, potentielle Freunde unterrichten zu sollen.
An potentiellen Freunden mangelt es mir hier eigentlich sowieso nicht, angesichts der großen weißen community in Can Tho.
Hatte ich die ersten Wochen hier noch ausschließlich Kontakt zu den anderen Freiwilligen, musste mich erst die in Can Tho abgehaltenen „German Days“ daran erinnern, dass es durchaus mehrere Ausländer gibt, die tatsächlich freiwillig eine längere Zeit im ach so fernen Süden Vietnams verbringen, wobei Ho Chi Minh City in diesem Fall als Ausnahme zu sehen ist, weil es so weitgehend von Westlern okkupiert wurde, dass es als weißes Hoheitsgebiet angesehen werden kann. Bei den angesprochenen „German Days“ handelte es sich um eine recht illustre Veranstaltung, auf der es unsere Aufgabe war, den Auf- und Abbau in der Konferenzhalle im luxuriösen „Golf Hotel“ mit Muskelkraft zu unterstützen, und im Folgenden lediglich der Veranstaltung beizuwohnen, das, man möchte sagen, ausgezeichnete Hotelessen zu verzehren, und der Veranstaltung etwas deutschen Flair zu verleihen, da es sich bei den meisten der Besucher um irgendwelche vietnamesischen Provinzvertreter handelte.
Selbige Provinzvertreter waren der Grund für die Konferenz, denn eben ihnen sollte dort von deutschen Spezialisten mittels Power Point erklärt werden, dass es schlecht ist, Mangrovenwälder abzuholzen, dafür jedoch ziemlich gut, Deiche zu bauen, wenn man bei Hochwasser nicht ertrinken möchte.
„German Days“: offizieller Teil „German Days“: inoffizieller Teil
Der erste Tag ging so mit endlos anmutenden Vorträgen ins Land, die auch das ziemlich wichtige Gefühl eines persönlichen Dolmetscher-Apparates (ich weiß nicht wie ich das Ding sonst nennen soll), nicht zu versüßen vermochte, ins Land. Angenehm war, neben den Mahlzeiten, die Bekanntschaft mit drei Entwicklungshelfern der GTZ, von denen wir zu einem besonders unterhaltsamen Kollegen namens Kai, den man irgendwie schon recht gut kennt, wenn man ein paar Filme mit Jack Black gesehen hat (wobei Kai Jack Black an Körpermasse noch um einiges übertrifft), noch sehr losen E-Mail Kontakt pflegen. Nachdem der Hauptteil des ersten tages ausgestanden war, motivierte jener Kai uns noch mit den Worten „Ihr seid Weißnasen, ihr dürft alles“, uns auf Unterwäsche eine kleine Erfrischung im Hotelpool zu genehmigen.
Der Abend endete, wie so oft im schönen Can Tho, ziemlich alkoholdurchtränkt, in diesem Fall in einer sehr langen Bier- und Reisschnapssitzung mit meinen werten Mitbewohnern auf dem WG-Balkon. So gemütlich der Abend war, so wenig wert war er es, legt man ihn mit dem Gefühl, restalkoholisiert am nächsten Morgen mit dem Boot an einer Exkursion zu den nahen Mangrovenwäldern teilnehmen zu müssen, in die Waagschale. Zu allem Überfluss herrschte an diesem zweiten Tag der „German Days“ eine unglaubliche Hitze und weder für die Bootsfahrt (eine Stunde) noch für den Fußmarsch danach (30 Minuten) waren Getränke eingeplant. Highlight des Tages war, das zufällige Treffen eines gewissen Herrn Plate, der mir auf der Suche nach einer geeigneten Pinkelstelle, fernab der Gruppe, mit dem offensichtlich selben Anliegen, über den Weg lief, und wie sich nachher herausstellte, Diplomat, eine der wichtigsten Personen der Veranstaltung und beinahe genauso restalkoholisiert wie ich war. Ich finde es immer angenehm, wenn man das Gefühl bekommt, dass am Ende des Tages alle irgendwie gleich sind.
Nach den deutschen Tagen passierte vorerst so wenig, dass sich nach mindestens drei langweiligen Wochen, Felix, Alex, Caro und ich entschieden, einfach mal wegzufahren, auch wenn Felix immernoch auf Krücken unterwegs war.
Ziel des Kurztrips sollte der Strandort Ha Tien werden, der etwa 7 Stunden Busfahrt von Can Tho entfernt ist. Mit einer sieben Mann starken Truppe machten wir uns also Freitagabend gegen 0.00 Uhr auf, eine unendlich anstrengende Nachtfahrt mit einmal Umsteigen in Rach Gia, dem ungemütlichsten kleinen Städtchen Vietnams (zum Mindest nach meiner Erfahrung), anzutreten.
Um ca. 8.00 Uhr Samstag morgen kamen wir dann auch mehr als zerstört in Ha Tien an, wo wir uns erstmal eine Unterkunft, etwas zu essen und eine Transportmöglichkeit in die Innenstadt, besorgen mussten, da der sich Busbahnhof unerwartet weit außerhalb Stadt befindet. Erschwert wurden all diese Aufgaben durch den dauerquengeliegen Felix-Hinkebein, der mit seinen Krücken das Tempo der Gruppe doch ziemlich einschränkte. Doch wider allen ersten Eindrücken von Ha Tien wurde uns von Vietnam, der Vorsehung oder einer findigen Taxigesellschaft der aufgedrehteste Taxifahrer, der uns jemals unter die Augen getreten ist, gesandt, der von uns ab diesem Zeitpunkt unseres ersten Treffens nurnoch liebevoll als „Techno-Klaus“ bezeichnet wurde.
Unser „Techno-Klaus“ (man beachte das Totenkopf-Branding auf seinem rechten Handrücken)
Den Grund für diesen Kosenamen bekommt jeder, der das Taxi von „Techno-Klaus“ auf Entfernung vorbeifahren sieht (bzw. hört) in berauschenden Dezibelbereichen um die Ohren gehauen: Das Taxi von „T-K“ wurde mittels diverser zusätzlich installierter, vermutlich aus eigener Tasche bezahlter Boxen zum lautesten Technoclub Südvietnams, die Spezialität des Fahrers/DJs sind offensichtlich vietnamesische Tranceversionen von mitteleuropäischen 90er Hits sowie Coverversionen von alten Cascada-Liedern. Nach geschätzten 3 Stunden Schlaf in einem, für vietnamesische Körpergrößen gebauten, Bus gibt es einfach nichts besseres als eine Fahrt mit „T-K“ um die Lebensgeister zu wecken. Das schönste an dieser spannenden Fahrt zum Stadtkern von Ha Tien war allerdings, dass unser werter Fahrer nicht nur beste Unterhaltung, sondern auch die Adresse einer guten und günstigen Herberge im Repertoire hatte, bei welcher er uns dann auch absetzte.
Für lediglich 40000 vd, also nur etwa 1,50 € , pro Nacht und Person bekamen wir ein geräumiges, beinahe leeres Zimmer mit Bad, in dem einfache Matratzen für bis zu zehn Personen auf dem Boden lagen. Die Herberge hatte außerdem einen Nachtwächter, wodurch wir uns an keine Sperrstunde halten mussten, was sonst in Vietnam durchaus üblich ist. Frischen Mutes angesichts der positiven Wendung des Tages machten wir uns, nach einem kurzen Frühstück (Reis mit Hähnchen) und mit Hilfe von „Techno-Klaus“ dessen Handynummer wir bekommen hatten, auf den Weg an den Strand von Ha Tien. Der Strand stellte sich als Strandbad heraus, was zwar den Vorteil hat, dass alles schön gepflegt ist, allerdings den Nachteil mit sich bringt, dass man für absolut alles Touristenpreise bezahlen muss. Belohnt wurden wir dafür mit dem ersten mal Schwimmen seit wir in Vietnam sind sowie mit einem teuren aber ziemlich guten Seafood-Mittagessen.
Als persönliches Highlight des Trips stellten sich rückblickend die kleinen, vollkommen überflüssigen Geschenke, die ich mir in Ha Tien selber gemacht habe, heraus: ein erstaunlich bescheuert aussehender Sonnenhut, der den Träger mit seiner Aufschrift als FBI-Agenten enttarnt, und mir, wie mir gesagt wurde das Aussehen von Crocodile-Dundee verleiht, sowie ein Wasserbüffelhorn, mit dessen Hilfe man einen beachtlichen Lärm fabrizieren kann.
Nach unserem Strandtag, einem teuren aber ziemlich guten Seafood-Abendessen und einem abschließenden Absacker-Bier auf einem schwimmenden Cafe, fielen wir alle völlig fertig und für unsere Verhältnisse früh (1.00 Uhr) in die günstigen jedoch überaus bequemen Kojen.
Am nächsten Morgen verschliefen wir unseren ersten Programmpunkt, für den wir extra früh hatten aufstehen wollen, dann einfach mal und starteten das Tagesprogramm erst um 12.00 Uhr. Da ja schon recht viel weggefallen war, standen nun lediglich noch ein Punkt auf der Tagesordnung, namentlich die Besichtigung einer Felsenpagode. Von unserem lieben Chauffeur „T-K“ gefahren, erreichten wir jene Pagode dann noch voll im selbstauferlegten Zeitplan. Die Pagode selbst stellte sich als nicht weiter aufregend heraus, allerdings machten wir die Bekanntschaft von einem sehr putzigen Mönch, der uns einen Punkt von der Pagode zeigte, von dem aus man die kambodschanische Grenze sehen konnte und auch sonst in der Nachmittagssonne ein beeindruckendes Panorama zu sehen bekam.
Gegen 16.00 Uhr saßen wir dann wieder im Bus nach Hause, was dieses Mal wesentlich angenehmer war als auf dem Hinweg, weil wir zum einen ausgeschlafen und zum anderen noch voll guter Dinge auf Grund der zwei erholsamen, erfrischenden Tage am Meer waren.
Alex vor „Wow!“-Panorama
So trug uns ganz in heimischer Manier „Wen fickst du eher?“, die neue Generation des Reisespiels (dessen Regeln man sich mit Hilfe des Namens erschließen kann), bis nach Can Tho, wo sich die Wege der Gruppe dann in Richtung der jeweiligen Betten trennten.
Hier in Can Tho fielen wir dann augenblicklich wieder in unseren Alltag zurück: wenig Arbeit, viel Freizeit, dauerhaft SDP und Dendemann hören, Kfc-Dienstag, ab und zu Krebsscheren essen im nahen „Bia Hoi“, gelegentlich zur Massage und zweimal die Woche in eine andere WG zum Waschen fahren (wir haben keine Waschmaschine).
Klingt alles entspannt und vielleicht ein klein wenig eintönig bis trostlos, ist es auch.
Da irgendwann selbst Felix, der die meiste Zeit auf dem Sofa wohnte, einsehen musste, dass dieser Lebensstil auf lange Sicht zu einer gewissen Verwahrlosung führen muss, beschlossen wir, uns mehr Hobbys zu suchen und ab diesem Zeitpunkt Vietnamesischstunden bei unserer Lieblingskollegin vom College geben zu lassen. Außerdem haben wir angefangen uns in regelmäßigen Abständen selbst zu bekochen, was hier zwar teurer ist als essen zu gehen, jedoch jedes mal ein gesellschaftliche Höhepunkt der Woche ist. Seit die Entscheidung zu kochen gefallen ist, haben wir einmal gegrillt, zweimal Spaghetti gekocht, hatten Milchreis (leider ohne Zimt), Armer Ritter, Hot Dogs, zweimal english breakfast und regelmäßig Bananenshakes. Damit beschränkt sich unser Repertoire zwar noch auf sehr einfache Gerichte, stolz sind wir jedoch trotzdem, weil wir die einzige WG sind, die überhaupt kocht, was ziemlich traurig ist, weil wir schließlich sogar eine reine Mädchen-WG haben, die jedoch nichtmal in der Lage ist Nudeln zu kochen.
Mit neuen, wenn auch zugegebenermaßen wenig erfüllenden Beschäftigungen ausgerüstet, überbrückten wir die Zeit bis zum nächsten Freizeithöhepunkt in Can Tho: Yannicks Geburtstag.
Maßgeblich von meiner WG koordiniert organisierten wir ihm eine Grillparty, luden die Gäste aus dem Süden Vietnams ein und besorgten den von ihm gewünschten Staubsauger.
Dank für die Mühe war eine absolut eskalierende Unterwäsche-Mottoparty, Yannicks ersten Alkoholabsturz inklusive. Nach selbem Abend musste ich dann erstmal aussetzen, weil ich nach der Unterwäscheparty auf der um 4.00 Uhr nachts doch recht kalten Terrasse mit einer Erkältung flachlag.
Geschenk... ...Grill... ...und...los! 


An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass es hier nichts besonderes ist, wenn ich krank bin, überraschender Weise liege ich hier geschätzt einmal pro Monat für zwei bis drei Tage flach. Abgesehen davon bin ich seit einem Monat erkältet und werde den, inzwischen zu einem nervtötenden Vertrauten gewordenen, Husten auch partout nicht los, was zum einen mit dem immernoch häufigen Regen, zum anderen mit der unangenehmen Eigenschaft meiner Dusche, nur kaltes Wasser bereitzustellen, und dem regelmäßigen, gezwungenen Aufenthalt in vietnamesisch klimatisierten Räumen (18-20 Grad, im Vergleich zu Außentemperaturen von 30-35 Grad) zusammenhängen mag. Außerdem hatte ich inzwischen so häufig Probleme mit meinen Kontaktlinsen (Bindehautentzündung, etc.), dass ich wieder weitestgehend auf Brille umgestiegen bin.
Die Wochen nach Yannicks Geburtstag geprägt von Arbeit und einem stetigen Anwachsen unserer WG. Unsere Stundenpläne hatten sich so eingespielt, dass wir unsere Klassen bereits genug kannten, eigenständig Unterricht vorbereiten zu können. Ich hatte das unschöne Los gezogen, als einziger 4 mal die Woche morgens unterrichten zu müssen, was hier heißt, um 7.00 Uhr im Klassenraum stehen zu müssen, was angesichts unseres Freiwilligenlebenswandels, der häufige Filmabende bis in die Nacht und Trinkspieleabende oder „Bia Hoi“-Sitzungen unter der Woche einschließt. In jenen Wochen, denen ich meinem Stundenplan nachkommen musste, wurde ich verhältnismäßig eigenbrötlerisch,was hier nichts anderes bedeutet, als ab und zu auch mal ein oder zwei Stunden in seinem Zimmer zu verbringen und Abends schon um eins aufzubrechen. Auch wenn das jetzt nach einem schlichten Mindestmaß an Privatsphäre klingen mag, stempeln solche Handlungen einen in meiner WG schon zum leichten Misanthropen. Insgesamt kann ich sowieso mit Fug und Recht behaupten in der geselligsten Wohngemeinschaft zu leben, die jemals in einem weltwärts-Programm zusammengekommen ist: Mit Caro (Felix Freundin) und Jonas (Fw aus dem Provinznest Soc Trang) wird unser trautes Heim jedes Wochenende von Freitag bis Montag oder sogar Dienstag um zwei Mitbewohner reicher, dazu kommen in fester Regelmäßigkeit noch diverse andere Gäste, die unser Wohnzimmer zum Freiwilligentreffpunkt Nummer 1 machen.
Die Community kommt zusammen...natürlich auf unserem Balkon
Es mag an sich ganz witzig sein, immer mindestens 6 Leute im Haus zu haben, doch macht es mir frühes Schlafengehen oder das Nachgehen irgendeiner ruhigen Beschäftigung in unserem Wohnzimmer unmöglich, weil einfach immer Trubel (mit der dazugehörigen Lautstärke) herrscht.
In den ersten Novemberwochen wuchs die Gemeinschaft der Weißen in Can Tho, die mit 10 CT-Freiwilligen, 2 Fw aus Soc Trang, 2 aus Long Xuyen sowie 2 befreundeten Amerikanerinnen sowieso schon eine beachtliche Größe besaß, um eine beachtliche Zahl von 17 neuen Mitgliedern.
Marian, einer der Fw aus Can Tho lernte über seine Universität eine Gruppe von 13 französischen Studenten kennen, die für ein Auslandssemester nach CT gekommen waren, und Yannick tat auf mir gänzlich unbekannten Wegen eine Gruppe von 4 amerikanischen Lehrern auf, die ebenfalls nur wenige Jahre älter sind als wir.
Alle jene neuen Bekanntschaften sollten dann Ende November auf meinem Geburtstag aufeinander treffen, was mir angesichts der großen Personenzahl und des geringen Platzes in unserer Wohnung einiges Kopfzerbrechen bereitete.
Letzten Endes erübrigten sich meine Sorgen, da die Amerikaner und ein Teil der Franzosen an meinem Geburtstag nicht in CT waren und von daher mit einer überschaubareren von 25 Leuten gefeiert wurde. Zu diesem Anlass habe ich mich wie gewohnt in gröbste Unkosten gestürzt und mehr als ein Drittel meines Monatseinkommens in Alkohol und Knabbereien investiert, wobei die hochprozentige Bowle, die ich einen Tag vor der Feier mit Hilfe meiner Mitbewohner bereitet habe, den beinahe größten Kostenpunkt darstellte. Gedankt wurde die Mühe mit einer leeren Bowleschüssel, dafür umso volleren Gästen und einem durchweg gelungenen Abend, der seinen Anfang in unserer Wohnung und seinen Ausklang im „Xe Loi“ dem einzigen guten Club in CT fand.
Geschenke bekam ich wider Erwarten auch in großer Fülle, wobei das Highlight aus einem DVD-Player mit dazugehöriger „Machete“-DVD bestand, die mir Yannick, dem ich in Hanoi ungefähr 100 mal erzählt hatte, wie dringend ich „Machete“ gucken möchte, mit dem Gesichtsausdruck eines Bilderbuchweihnachtsmannes überreicht hat.
Außerdem gabs das hässlichste braune Vietnamesenhemd, das sich ein Westeuropäer jemals zu tragen getraut hat (mir wurde später erzählt, dass die Mafia hier solche Hemden trage) und eine Flasche mit Schlangenschnaps, was erstmal komisch klingt aber noch wesentlich komischer aussieht, weil in der Schnapsflasche tatsächlich zwei komplette Schlangen eingelegt sind.
Da wir in Hanoi fast alle schon Schlange gegessen haben und einige Wenige, darunter auch ich, das Vergnügen hatten ein noch schlagendes Schlangenherz verspeisen zu dürfen, ist die Hemmschwelle den Schnaps mit Fleischeinlage zu trinken quasi bereits im Vorfeld abgebaut worden.
Wo ich gerade beim Thema bin, fällt mir ein Ereignis ein, dass auf keinen Fall vergessen werden darf, und zwar der „Teacher's Day“ unseres Colleges. Unter diesem Tag kann man sich so etwas wie Vatertag für Lehrer vorstellen, also einen Feiertag, den sich die Gruppe, der er gewidmet es selbst ausgedacht hat, weil sie das Gefühl hat nicht genug Anerkennung für ihre vielen Mühen zu bekommen. Dieser famos überflüssige Feiertag fiel dieses Jahr auf jeden Fall auf den 20.11. also wenige Tage vor meinen Geburtstag.
Felix, Alex und ich mussten dafür an einem Samstag um 7.00 Uhr auf dem Gelände des Colleges erscheinen. Da der Abend vorher aber wieder einmal lang gewesen war schafften wir es gerade so um 7.10 Uhr aus dem Bett und kamen gegen 7.40 Uhr vollkommen de-rangiert, aber, wie immer wenn wir zum College gehen, in professionell anmutendem Lehrerdress (Anzughose und weißes Hemd), auf das überfüllte Gelände, wo wir von den uns zugewiesenen Ehrenplätzen drei Stunden lang vietnamesische Redner, eine Fahnenaufführung der vietnamesischen Version der Hitler- Jugend sowie verschiedene Tanzeinlagen bestaunen konnten.
Um 10.30 Uhr war der offizielle Teil beendet und es ging ans Mittagessen, welches natürlich unser bitternötiges, längst überfälliges Frühstück darstellte. Ich habe noch nie so viele Betrunkene Erwachsene auf so engem Raum gesehen, und ich war schon auf dem Oktoberfest. Nach dem üppigen Essen wurde Bier aufgetragen und wie im Märchen vom „Tischlein deck dich“ war es schier unmöglich gegen das stetige Nachschenken von allen Seiten anzutrinken. Nachdem Alex, Felix und ich mit allen 200 anwesenden Lehrern angestoßen hatten, ich den Bürgermeister und den Direktor unseres Colleges auf dem Klo ihr üppiges Mittagessen wiederkäuen gesehen hatte und die Veranstaltung mehr oder weniger am Ende war, fanden wir uns gegen 12.30 Uhr zu wie die Landknechte zur Nachbesprechung der Ereignisse in unserem WG-Wohnzimmer zusammen, wobei Felix auf dem Sofa einschlief und ich dann auch nah kurzer Zeit zum Ausnüchtern meine Matratze aufsuchte; was für ein kurzer Tag!
Da diesem Tag eine nicht weniger leberintesive Woche folgte ist es wohl nachvollziehbar, dass wir alle ganz froh waren, als nach meinem Geburtstag dem Feiern erstmal genüge getan war und wir den Dezember beschaulich und nüchtern beginnen konnten.
Mir wurde eine Pause von all der Feierei zu Dezemberbeginn nicht nur von meiner verbliebenen Vernunft, sondern schließlich auch von meinem Körper diktiert, der nach dem anstrengenden Novemberausklang und einer körperlich insofern belastenden ersten Dezemberwoche, als dass ich jeden Tag morgens um 7.00 Uhr unterrichten musste und aufgrund dessen zu wenig Schlaf bekam, eine Erholungsphase in Form von Fieber einforderte. Ich konnte zwar die Arbeit für zwei Tage absagen, doch hatten mich einige Tage zuvor dummerweise einige der Studentinnen aus meiner Lieblingsklasse 33B zum Abendessen eingeladen (anlässlich meines Geburtstages), was ich leider nicht absagen konnte, weil ich keine Handynummer o.Ä. von jenen Studenten hatte.
Also musste ich mit 39 Grad Fieber, Alex und Felix geschultert, mit einer Gruppe von etwa 9 Vietnamesinnen im Spongebob-Schwammkopf-Jahrgangsshirt Hot-Pot essen gehen.
Hot-Pot, zu vietnamesisch Lau, ist eine ziemlich angenehme Art zu essen: Es wird ein Topf auf einer Gaskochstelle auf den Tisch gestellt, mit Brühe und Gemüse gefüllt und es bleibt einem selbst überlassen, welche Fleischbeilagen oder Nudeln man der ganzen Geschichte dann hinzufügt.
In unserem Fall bestellen wir meistens Lau Thai, wobei zu einem sauer-scharfen Hot-Pot, Shrimps, Tintenfisch und Rindfleisch serviert werden...sehr lecker.
Als ich nach diesem unruhigen und ziemlich kräftezehrenden Essen wieder Zu hause war, war mein Fieber auf über 40 Grad gestiegen und ich entschied mich, die nächsten Tage die Wohnung ausschließlich zum Essen zu verlassen. Den nächsten Tag schlief ich dann mehr oder weniger durch , wodurch ich am darauf folgenden Tag fast fieberfrei und schon wesentlich mobiler war, gerade rechtzeitig zur Ankunft von Jana und Arian, zwei Freiwilligen aus Hanoi, die besser mit der Süd- als mit der Nordgruppe befreundet sind und aus diesem Grund beschlossen hatten, herunter zu fliegen und eine gute Woche mit unserem illustren Verein DED Südvietnam zu verbringen.
Da wie schon erwähnt unsere WG der Treffpunkt ist, schliefen die beiden natürlich hier.
Obwohl ich die beiden eigentlich gut leiden kann, schloss ich mich die ersten Tage systematisch von der Gruppe aus, weil ich nach meiner Krankheit und den harten Wochen davor einfach noch nicht mit einer solch großen Gruppe (Caro und Jonas waren natürlich auch da) umgehen konnte.
Um mir produktive Hobbys zu verschaffen hatte ich mir nach den alkoholgetränkten Novemberwochen eine Gitarre gekauft, wobei denke ich bekannt ist, dass ich nicht einmal weiß, wie rum man ein solch komplexes Instrument halten soll, geschweige denn, dass ich auch nur einen Griff kann, und mich des weiteren im hiesigen Fitnessstudio angemeldet, weil ich seit ich hier bin erstaunliche 7 kg abgenommen habe, was mit Sicherheit nicht nur auf Fettabbau zurückzuführen ist.
Diesen beiden neuen Hobbys konnte ich so frönen und gleichzeitig der Gruppe jeweils für einige Stunden entkommen. Außerdem entzog ich mich konsequent bis zu Arians und Janas letztem Tag in Can Tho dem wieder einsetzenden Alkoholgenuss. So gingen die Tage mit den Hanoiern für mich eher ruhig ins Land, ich verbrachte verhältnismäßig viel Zeit mit der Mädchen-WG in CT, die eigentlich ein langweiliger, leicht misanthropisch veranlagter Haufen ist, der sich den Gruppenaktivitäten immer entzieht und die Can Tho Gruppe damit de facto zu einem reinen Penisverein degradiert, aber in jenen Tagen, da ich selbst in langweiliger, leicht misanthropischer Stimmung war, genau die richtige Gesellschaft darstellte.
„German Days“ in Soc Trang: Die Freiwilligen sind begeistert angesichts der schicken Gratis-Hüte
Der letzte Tag des Aufenthalts der Hanoier, der „German Day“ in der Nachbarprovinz Soc Trang stellte dann nochmal eine angenehme Abwechslung dar, die sogar mich aus meinem Schneckenhaus lockte und veranlasste, mich der Gruppe anzuschließen und morgens um 5.00 Uhr eine anderthalb stündige Busfahrt nach ST anzutreten, um dort mit einem Seilziehwettbewerb (Deutsche gegen Vietnamesen; Deutschland hat in gewohnter Blitzkriegtaktik in etwa 8 Sekunden gewonnen) und den Ergebnissen eines deutschen Kochwettbewerbes (Frikadellen, Kartoffelsuppe, Kartoffelpüree, Bohnensalat,...) begrüßt zu werden. Gewohnt vietnamesisch wurde um 10.00 Uhr der Wein aufgetragen, um 11.15 gab es Mittagessen, zu dem außer Wasser ausschließlich alkoholische Getränke gereicht wurden. Davon einmal abgesehen haben wir alle jedoch viele Kontakte zu Leuten von der GTZ und dem DED geschlossen und konnten uns mal wieder sehr ehrengastlich fühlen.
Müde und angeheitert vergammelten wir den restlichen Tag, um abends dann beinahe ausgeruht den Geburtstag von Genoveva, einer Freiwilligen aus CT im bereits beschriebenen „Xe Loi“ zu feiern.
Danach passierte eigentlich nichts nennenswertes mehr, wir mussten unsere WG zwei Tage lang putzen, weil wir dazu angesichts der vielen Gäste nicht gekommen waren, haben endlich wieder angefangen etwas in der gemütlich eingespielten Gemeinschaft unserer WG zu unternehmen und haben tatsächlich die letzten paar Tage erstaunlich viel Kontakt mit einigen netten, aber auf Dauer doch anstrengenden vietnamesischen Studenten aufgebaut. Gedankt wurde uns dieses soziale Verhalten mit mehreren Liebesgeständnissen, wobei Alex und ich irgendetwas falsch gemacht haben müssen, weil die an uns gerichteten Liebesbekundungen alle von Männern sind.
Alex wurde letzte Nacht sogar via SMS von einem Studenten eine Runde Hotelsex angeboten, was der durchweg heterosexuelle Alex dankend abgelehnt hat...man kann duchaus pauschal sagen, dass Vietnam vermutlich das schwulste Land der Welt ist, auf jeden Fall das schwulste in dem ich jemals war.
Auf der „Haben“-Seite unserer vietnamsischen Bekannten bewegt sich ein ziemlich cleverer, allerdings auch sehr „unvietnamesischer“ Student namens Anh, der als einziger etwas mit unserem Humor anfangen kann, extrem gut englisch spricht (besser als die meisten Lehrer) und gestern Abend (14.12.) mit uns Hund und Ratte essen gegangen ist.
Wider meinen Erwartungen war Ratte wesentlich schmackhafter. Dem Ekel der meisten Mädchen in unserer Fw-Gruppe angesichts solch ausgefallener Esskultur immer wieder erklären, dass es wenn man sich entscheidet, Fleisch zu essen nur konsequent ist, alles zu probieren, was gesundheitlich unbedenklich ist, was uns in den Fällen von Hund und auch Ratte mehrfach versichert wurde.
Dieses Totschlagargument mussten schließlich sogar unsere vegetarisch lebenden Zeitgenossen ohne Y-Chromosom anerkennen.
Nun an dieser Stelle ist soweit denk ich das meiste gesagt, was es zu sagen galt, die vielen Details, die mir bestimmt noch nachträglich einfallen werden, die unzähligen Anekdoten, die es aus diesem toten Winkel Gottes noch so zu berichten gäbe, werdet ihr entweder erfahren, wenn sie inhaltlich zu meinen späteren Mails passen sollten, oder ihr werdet sie dann im August unmittelbar aus meinem Munde hören können. In Zukunft werde ich regelmäßiger berichten, 4 Monate auf einen Schlag war doch mehr als ich dachte, und gleichzeitig weniger genau als ich es gerne gemacht hätte.
In diesem Sinne bis demnächst, meldet euch mal bei mir, ich freue mich immer wenn ich etwas aus der alten Heimat höre.
Ich vermisse euch alle!
Liebe Grüße,
Sebastian






















