Aber fangen wir wieder ganz von vorne an: Nachdem ich aus dem Krankenhaus zurück kam und Euch meinen letzten Bericht mit Fotos zukommen lassen habe, stellte sich erst einmal ein Alltag ein. Jener war durch Aufräumen, Chinesen treffen und Essen gehen bestimmt, da an der Schule noch Ferien waren. Ende Februar sind Katharina und ich nach Liuku gefahren und haben dort den Rest aus Lanping, aber auch den Rest der anderen Freiwilligen wieder getroffen. Mit dabei waren auch Joshua und Shiny. Joshua ist ein Chinese aus Liuku, der jetzt schon die 3. Generation der Freiwilligen kennengelernt hat und durch den Kontakt mit allen Freiwilligen sich einen verständlichen Schatz an Deutschkenntnissen angeeignet hat. Shiny, ebenfalls aus Liuku, studiert seit geraumer Zeit in Frankfurt auf Englisch. Dementsprechend spricht sie Chinesisch, Englisch und versteht eine Menge Deutsch. Deren Sprachfähigkeiten zu erleben war wirklich toll, sorgte aber auch für Verwirrungen, da es beim Sprachenwechsel drunter und drüber ging.
Wir haben jeden Abend im Club oder KTV verbracht, den zweiten Tag tagsüber bei der für die Visumsverlängerung zuständigen Behörde und abends gab es dann noch eine Einladung von unserer Organisationsleitung aus Kunming. Jene war einen Tag zuvor, als Katharina und ich auf dem Weg nach Liuku waren, zu einem Überraschungsbesuch des frisch operierten Maik nach Lanping gefahren. Somit haben wir uns natürlich verpasst und wurden stattdessen am darauffolgenden Tag alle zu einem leckeren Essen in Liuku eingeladen.
Auf der Rückfahrt haben wir dann den besagten Fahrplan erstellt. Es ging also darum in nächster Zeit eine weitere Sammelaktion auf dem großen Platz in Lanping vorzubereiten und außerdem mit dem Sozialministerium bei den Grundschulen nach einer Möglichkeit des Spendensammelns direkt an der Schule zu fragen. Jenes Vorhaben konnten wir leider noch nicht umsetzen, da der Schulleiter aufgrund des ausfallenden Unterrichts eine offizielle Erlaubnis vom Bildungsministerium haben wollte. Diese haben wir mittlerweile besorgt und hoffen, dass wir jetzt im April erfolgreich sammeln können.
Also konzentrierten wir uns voll und ganz auf die Sammelaktion auf dem großen Platz. Wir verteilten zusammen mit einer Schulfreundin von Jannik, die für zwei Wochen ihren Urlaub ihres Freiwilligendienstes in Georgien bei uns verbrachte, 1100 Flyer. Außerdem wurden Plakate aufgehängt und ich habe allen Kontakten, die ich durchs KTV und den Club kennengelernt hatte, eine Rund-SMS geschrieben.
Das Wetter spielte dieses Mal wesentlich besser mit, man konnte merken, dass kein Feiertag bevorstand und auch unsere vermehrte Werbung schien Früchte zu tragen. Durch die Mithilfe von vor allem zwei jüngeren Mädchen, die sich an unseren Stand gesellten und ein großes Talent im Ansprechen potenzieller Spender hatten, kamen wir dann insgesamt auf über 500 Kleidungsstücke, viele Bücher, Federmappen und anderem Schulmaterial und auch Spielsachen und Geld wurden wieder umfangreich gespendet.
Die nächsten Tage hieß es also dann sortieren, waschen und nähen. Außerdem haben wir noch Plakate und Flyer für Bekleidungsgeschäfte mit Kinderkleidung kreiert und aufgehängt, auf die sich auch schon die ersten Spender gemeldet haben. Nach und nach wurde dann ein Paket nach dem anderen fertig gepackt und wir meldeten uns bei zwei Grundschulen in der Gemeinde Hexi an.
Die Pakete haben wir dann mit einem Transporter zum Busbahnhof gebracht, am nächsten Freitagmorgen auf den Bus gewieft, sodass es in Richtung Hexi losgehen konnte. Angekommen, wurden wir dann vom Headmaster aus Qinghua abgeholt, haben alle Pakete für seine Schüler mitgenommen und es ging hoch auf den Berg zur Schule. An der Schule wurden wir von den Schülern klatschend und s
ingend mit einem Spalier empfangen und nachdem wir uns mit den Lehrern kurzgeschlossen hatten, ging es auch daran die 60 Schüler mit neuer Kleidung zu versorgen. Klassenweise haben Pauline und Katharina die Mädchen ausgestattet, während Jannik und ich uns um die Jungen kümmerten. Nach der Überwindung erster Schüchternheit nahmen die Kinder die Klamotten glücklich entgegen und es entstanden echt tolle Fotos. Anschließend ging es dann mit den vier Lehrern und dem Bürgermeister essen, bei dem wir natürlich den selbst hergestellten
Alkohol probieren mussten. Auch wenn wir uns gegen übermäßigen Konsum versuchten zu wären, vollzog der Alkohol zusammen mit der prallen Sonne sein Werk. Trotzdem konnten wir die Hygieneaktion noch ohne Probleme durchführen, was auch daran lag, dass die Kinder schon sehr selbstständig beim Zähneputzen waren. Es wurden also wieder viele Fotos gemacht und die Kinder waren nach 20 Minuten putzen und waschen wieder blitzblank. Wir verabschiedeten uns von den Kindern, machten uns zusammen mit dem Headmaster auf den Weg zurück zur Busstation und warteten dort auf den Headmaster auf Bailong.
Nach ca. 4 Stunden Wartezeit hatte die Wirkung des Alkohols auch stark nachgelassen und der Headmaster aus Bailong hatte seinen Termin abgeschlossen. Also ging es nachdem letzten Besuch im Januar wieder hinauf auf den Berg, über steinige Straßen auf zur Grundschule. Um ca. 19.00 Uhr kamen wir an, sodass wir das Essen erst einmal aufschoben um möglichst viel Zeit mit den Kindern zu verbringen, ehe sie ins Bett mussten. Als erstes wurden unsere mitgebrachten Rucksäcke verteilt, die mit „Oh!“s und „Ah!“s beim Hervorholen bestaunt wurden. Auch der Inhalt wurde mit freudigen Gesichtern begeistert inspiziert. Anschließend rotteten wir uns alle zusammen um ein Gruppenfoto zu machen und nach dem Blitz ging es dann an die Luftballons und Süßigkeiten. Da dieses Mal alle 62 Schüler da waren, war es ein großer Spaß hinter den Luftballons hinterher zu rennen und Fotos zu schießen. Dann öffneten wir den Karton mit den Schuhen und da es langsam dunkel wurde, zogen wir nur den Bedürftigsten neue Schuhe an und baten den Lehrer am darauffolgenden Tag alle Schüler mit neuen Schuhen auszustatten.
Somit näherten wir uns der Schlafenszeit und es ging ans Zähneputzen. Jenes war hinsichtlich zweier Dinge besonders toll: erstens waren die Schüler ziemlich selbstständig dabei, was einen Übungseffekt seit unserem letzten Besuch impliziert. Zweitens habe ich, aus mir bis heute unerschlossenen Gründen für einen Lachanfall bei den Mädchen gesorgt, der so ansteckend war das die Kinder und ich uns beim Zähne putzen nur anlachten. Dann ging es für die Schüler ins Bett und wir Freiwilligen machten uns über das Essen her. Nach einer kurzen Zeit am Feuer waren wir auch alle so müde, dass es ziemlich zeitig ins Bett ging. Am nächsten Morgen beluden wir den Transporter, fuhren in aller Frühe los, räumten Bäume die auf dem Weg lagen beiseite und bestiegen den Bus zurück nach Lanping.
Katharina machte sich noch am selben Mittag auf den Weg nach Liuku bzw. Fugong um die anderen Freiwilligen wieder zu besuchen. Den Nachmittag verbrachte ich noch mit einer Freundin und abends wurde dann Jannik zum Busbahnhof gebracht, da auch er sich auf den Weg nach Kunming zu seiner Freundin machte. Des Weiteren brachten wir noch ein Karton voller Babykleidung zum Busbahnhof, den dann Pauline nach Fugong mitnahm, sodass nach am Sonntag Maik als einziger Freiwilliger in Lanping übrig blieb.
Doch schon Montag zog auch ich in die weite Welt hinaus und fuhr mit dem Minibus nach Zhongpai, einer Nachbargemeinde im Norden des Landkreises Lanping. Dort wollte ich eine Familie besuchen, von der uns bei der ersten Sammelaktion im Januar berichtet worden war. Nach 4 Stunden Fahrt bin ich dann an der Grundschule angekommen. Da ich den Großvater nicht erreichen konnte, ließ ich mich von den Schülern zum Schulleiter der Grundschule führen, von dem ich prompt zum Essen mit seiner Familie eingeladen wurde. Dort war ich anscheinend auch bekannt, denn der Sohn war der Cousin meiner Zimmernachbarin im Krankenhaus und hatte mich dort also schon einmal getroffen. Nachdem Essen führte mich dann der Schulleiter zur besagten Familie und ich traf den Großvater und die Großmutter. Ich stellte mich vor und nach dem Schulleiter zurück zur Schule musste, kamen noch ein Englischlehrer und ein Chinesischlehrer der Mittelschule. Mir wurde die allgemeine Situation der Familie geschildert.
Die Familie besteht aus Großvater, Großmutter, Enkelsohn und zwei Enkeltöchtern. Die Großeltern hatten drei Söhne, die jeweils ein Kind haben (die Familie gehört zu den Han-Chinesen und ist somit seit geraumer Zeit den 1-Kind-Politik verpflichtet). Die Eltern der ältesten, 23-jährigen Enkeltochter sind vor einigen Jahren verschollen. Mittlerweile ist die Enkeltochter aber ausgezogen und lebt in einem anderen Dorf. Der Vater des Enkelsohns starb vor 7 Jahren und seitdem wohnt der wirklich clevere 13-jährige bei seinen Großeltern und besucht seine Mutter im Nachbardorf so oft es geht. Die 15-jähirge Tang WeiQin ist seit 10 Jahren Waise und lebt auch noch bei den Großeltern. Ihrem Schicksal kommt erschwerend hinzu, dass sie seit Jahren schon chronische Kopfschmerzen hat und auch des Öfteren von epileptischen Anfällen heimgesucht wird. Unterstützt wird die Familie durch zwei Lehrer der Mittelschule. Der eine stellt eine seiner Mietwohnungen der Familie zu sehr günstigen Bedingungen zur Verfügung und ein anderer Lehrer greift den Großeltern mit der Hälfte seines Monatsgehaltes unter die Arme. Über deren selbstlose Hilfsbereitschaft, die nicht einmal auf Verwandtschaft beruht, war ich wirklich sehr begeistert.
Alles in allem verbrachte ich zwei sehr schöne Tage mit der Familie, habe viel mit den Kindern gespielt und eine wirklich tolle Bekanntschaft geschlossen. Ich hoffe nun, dass ich durch Recherchen im Internet Möglichkeiten der Förderung für diese Familie und insbesondere für das Mädchen finden kann.
Zurück an der Schule kam auch Katharina aus Liuku zurück und wir feierten mit unseren Schülern ihren Geburtstag. Dafür hatte sie sich extra von ihren Eltern Schokolade für Schokoladenfondue schicken lassen. Die Schüler konnten somit das erste Mal Katharinas Lieblingsessen probieren und nachdem alle mit Schokolade gefüllt waren, ging es ins KTV. Dort wurde dann gesungen und der Tortenschlacht um Mitternacht entgegengefiebert. Wie bei den Chinesen üblich, beschmierten wir uns alle wieder gegenseitig mit Sahne und es gab erst Ruhe, als alle weiß waren.
Nun beginnt nach dieser einwöchigen Pause Montag wieder der Unterricht. Außerdem werden wir uns noch um zwei weitere Waisenkinder im Nachbarort kümmern, die wir jetzt schon einmal an ihrer Grundschule besuchten. Es steht als nächstes ein Besuch der Großeltern im Bergdorf an, damit wir deren Bedarf feststellen und eine mögliche Patenschaft ausloten können. Außerdem wird noch mal mit der offiziellen Erlaubnis bei den Grundschulen in Lanping angeklopft. Der nächste Bericht mit weiteren Erlebnissen der Projektarbeit wird also nicht mehr lange auf sich warten.
Bis dahin verbleibe ich ein weiteres Mal mit den besten Grüßen aus China!
Maik