Nach anfänglichen Organisationsschwierigkeiten bin ich seit dem 15. September an meinem Einsatzort, der nicht mehr wie ursprünglich die Stadt „Bay“, sondern das ca. 20 Minuten entfernte „Magdalena“ ist. Dort wurde vor ca. 2 Monaten ein neuer Campus errichtet, an dem neben mir noch ein anderer deutscher Freiwilliger eingesetzt ist, mit dem ich zusammenarbeite und lebe. Unsere Unterbringung ist soweit in Ordnung – vor allem seitdem wir einen Kühlschrank besitzen, der uns in Zusammenspiel mit unserem 5 € Toaster immer wieder große Freude bereitet. Im Übrigen gibt es in der Kantine am Campus vor Allem eines, nämlich Reis - zu jeder Mahlzeit (manchmal mit durchaus schmackhaften Beilagen). Wieder erwarten sind keineswegs Mücken ein Problem, jedoch ist man gelegentlich ein wenig genervt von sehr vielen Fliegen, die uns mit ihrer Anwesenheit beehren. Diese werden bekämpft mit sog. „Fly Traps“.
Magdalena selbst ist weit weg von so ziemlich allem, was ich jedoch als sehr angenehm empfinde, weil es eben auch weit weg ist von Hektik, Luftverschmutzung und Konsumgesellschaft, die das Bild der Hauptstadt prägen. Alle 10 Tage haben wir 4 Tage frei und reisen entweder nach Manila, um dort mit den anderen Freiwilligen Party zu machen oder unternehmen „Kurzreisen“ auf eine der unzähligen Inseln des Landes.
In Magdalena leben auf einem abgeschotteten Gelände ca. 100 „Studenten“ die verschiedene Berufe erlernen (Tischler, Elektriker usw.), sowie die „ALS“ (Alternative Learning System), mit denen ich die meiste „Arbeitszeit“ verbringe. Die 12 ehemaligen Straßenkinder aus Manila haben durchweg „kaputte“ Kindheiten (alle sind z.B. Drogenabhängig gewesen). Drei von ihnen stechen besonders heraus, da sie bereits Leute getötet haben in diversen „Gang-Fights“. Nun leben sie am Campus, haben zum ersten mal in ihrem Leben einen geregelten Tagesablauf mit 3 warmen Mahlzeiten und sollen auf den Wiedereinstieg ins öffentliche Bildungssystem vorbereitet werden.
Bemerkenswert ist, dass man den „Kindern“ (in Anführungsstrichen, da die meisten ca. 13-15 Jahre alt sind) ihre Vergangenheit in keiner Weise anmerkt. Die ALS zeichnen sich durch Gehorsam und Disziplin aus. Lediglich auffällig ist das für ihr Alter doch sehr kindliche Verhalten (stark erinnernd an Michael Jackson). Insgesamt lässt sich die Arbeit mit ihnen jedoch als sehr entspannt beschreiben, da sie uns als Autoritätspersonen schon nach sehr kurzer Zeit akzeptierten.
Dieser positive Umstand lässt sich vielleicht auch darauf zurückführen, dass die ALS (wie so ziemlich jeder am Campus, sogar die Pastoren) absolut vom „Fußball-Fieber“ ergriffen wurden. Sie sind sehr motiviert und lieben den Sport.
Aufgrund der allgemeinen Begeisterung wurde in Rekordzeit ein Fußballfeld auf dem Campus errichtet, das nun mehr oder weniger mein Arbeitsplatz ist. Zwar fallen hin und wieder kleine andere Dinge an, im großen und Ganzen lässt sich mein Aufgabenfeld aber auf Fußballtraining (Trainingsmethoden werden aus dem 10 Jährigen Erfahrungspool meines Mitfreiwilligen zur Genüge geschöpft) und andere Ballspiele wie z.B. Völkerball eingrenzen. Natürlich nehme ich auch gerne an den täglichen „Trainingsspielen“ teil. Folglich kann ich also wahrlich nicht behaupten „mich zu überarbeiten“.
Auch neben der Arbeit ist das Leben am Campus sehr entspannt. Alle Leute sind sehr nett zu den „German friends“, sogar mit den Pastoren hier verstehe ich mich wider erwarten sehr gut.
Ja – alles hier ist sehr christlich, was allerdings nicht weiter stört bis auf die Tatsache, dass schon seit September Weihnachtslieder in den Geschäften gespielt werden. Vor dem Essen wird 5 Sekunden zu „T-Rex“ pseudo-gebetet, ansonsten betrifft uns die christliche Ausrichtung der gesamten Einrichtung nicht weiter, auch wenn Gott für die meisten Schüler (aber auch Lehrer) allgegenwärtig ist („Let’s pray that we can duplicate the key“ , „Thank God, that I could borrow your fan“..). Bei näherer Betrachtung, vor allem nach Kontakt mit dem Management wurde aber zunehmend klar, dass die Spiritualität im Großen und Ganzen eine Fassade ist, hinter der ein kapitalistisches Konzept steht (auf weitere Ausführungen wird an dieser Stelle verzichtet).
In der üppigen Freizeit schaue ich viele Filme, die man hier an jeder Straßenecke für einen Spottpreis als Raubkopie (in jedoch meistens guter Qualität) hinterher geschmissen bekommt, „chille“ mit den älteren Schülern (mit denen die Kommunikation auf Englisch im Übrigen sehr gut funktioniert), oder trainiere im von ihnen selbstgebauten Fitnessstudio. Internet ist über einen USB Broadband Stick in passabler Geschwindigkeit verfügbar. Skypen ist leider nicht möglich, aber das nächste Internetcafe ist nicht sehr weit.
Überhaupt verlassen wir den Campus oft. Ein beliebtes Ziel ist die nächste Shopping Mall (ca. 45 Minuten entfernt). Der Weg führt zunächst mit einem Tricycle über eine Straße, die diese Bezeichnung nicht verdient zur nächsten „Jeepney Station“, wo man in eines der bunt geschmückten Gefährte (alte Jeeps aus der amerikanischen Besatzungszeit) einsteigt, das einen schließlich ans Ziel bringt. Beide „öffentlichen Verkehrsmittel“ würden natürlich nicht im Entferntesten den Sicherheitsbestimmungen oder Umweltauflagen in Deutschland entsprechen, dafür ist wirklich jede Fahrt ein Abenteuer.
In der Mall (von denen das Land übrigens wirklich mehr als genug hat) gibt es alles was man braucht und auch noch so einiges mehr. Klamotten, Filme, Handys (sehr wichtig für Philippinos, die absolute SMS-Junkies sind) und auch sonst so ziemlich alles (von RayBan Brillen über Rolex Uhren bis hin zu Billabong Shorts) gibt es dort für Spottpreise als China – Immitate zu kaufen, die hin und wieder dem Original erstaunlich nahe kommen.
Die häufigen Mall Besuche (so langsam werde ich „dicke“ mit dem dort arbeitenden Personal) werden gekrönt durch einen Besuch bei „Jollybees“, dem philippinischen Gegenentwurf zur Fast- Food Kette McDonalds, der wohl in keinem Land so gut funktioniert wie hier. Jollibees ist billig und übertrifft den Mc Donalds 1/4 Pounder mit einem 1/3 Pounder für 1,50 €, der seines Gleichen sucht: dem CHAMP!
Unsere 4 freien Tage verbringen wir wie schon zu Beginn erwähnt oft in Manila mit anderen Freiwilligen. Mit dem Bus fahren wir aus der Provinz in die Stadt, in der ein komplett anderes Leben herrscht. Die Religion ist nicht allgegenwärtig, dafür aber der Abgas Smog und die Hektik. Manila wirkt in manchen Stadtteilen wie eine moderne Buisness Metropole mit Wolkenkratzern und pervers riesigen Shopping Malls an jeder Ecke, jedoch befinden sich nur einen Kilometer entfernt der Rotlichtdistrikt sowie die Slums, die mit menschenwürdigem Leben nur wenig zu tun haben. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist omnipräsent.
Wenn wir feiern gehen, lernen wir natürlich nur reiche bis sehr reiche Philippinos aus der Oberschicht kennen, da sie die Einzigen sind, die sich solchen Luxus leisten können. Sie machen auf mich einen sehr oberflächlichen Eindruck und machen nicht den Anschein, als würden sie die Probleme in ihrem Land in irgendeiner Weise interessieren. Sie streben in jeder Facette ihres Daseins danach westlich zu sein – amerikanisch, um genau zu sein. Sie reden untereinander amerikanisches Englisch und umgeben sich am liebsten mit „Westlern“, zu denen nun auch wir zählen.
Wir erleben in dieser Gesellschaft, die sich so sehr am Westen orientiert, eine Art „positiven Rassismus“. Es ist uns z.B. erlaubt unbeachtet die zahlreichen Sicherheitskontrollen vor Straßenbahn und Shopping Center zu passieren. Ich selbst gelte übrigens als Amerikaner, was sich darin äußert, dass ich oft mit „Hey Joe“ angesprochen werde, da Philippinos anscheinend glauben, dass dies der allgemeingültige Name eines Amerikaners sei.
Überhaupt ist Rassismus hier nicht mit deutschen Maßstäben zu messen. Bei der Eröffnung eines Bankkontos muss man von 5 vorgegeben Rassen seine eigene ankreuzen. Besonders in der Provinz begaffen die Menschen die wenigen Ausländer wie „Affen im Zoo“ (daran gewöhnt man sich jedoch sehr schnell). Wir haben wir es auch schon in die Zeitung geschafft, obwohl wir es wahrlich nicht darauf angelegt haben. Adresse zum Artikel :
www.philstar.com/Article.aspx?articleId=621635&publicationSubCategoryId=69
Wie schon in meinem vorherigen Blogeintrag kurz erwähnt, ist hier wirklich alles amerikanisch (besonders in Manila). Im Kino werden amerikanische Hollywood Streifen gezeigt, der DJ in der Disco spielt House und Black Music. Von den Mall,s über das Supermarktangebot, bis hin zu den Steckdosen und den Türgriffen erinnert alles an den großen Kolonialbruder.
Natürlich gestalten diese Umstände (vor allem das weit verbreitete Englisch) die Integration und das Einleben hier um einiges einfacher. Ich kann inzwischen behaupten, dass ich mich eingelebt habe und fühle mich sehr wohl, auch wenn ich natürlich ab und an auch an Zuhause denke (und natürlich an den TiEgerclub, der sich in seiner Einzigartigkeit nicht ersetzen lässt). Das Wetter ist fabelhaft (jeden Tag 30°C) und auch an das humide Klima habe ich mich inzwischen soweit gewöhnt, dass es kein Problem mehr ist draußen Sport zu machen.
Zum Schluss noch ein Ausblick auf die nahe Zukunft:
Morgen werde ich wieder für 4 Tage nach Manila fahren und dort mit den anderen Freiwilligen ordentlich feiern gehen, mich auf die Suche nach gefälschten Mac-Spielen machen und ein Meeting im DED-Office haben, auf dem wir von unserer Mentorin bei Kaffee und Kuchen über unseren aktuellen Gemütszustand befragt werden.
Direkt danach wird Anfang November auf den Philippinen Halloween gefeiert, was mir ein paar freie Tage beschert, an denen ich plane die heißen Quellen und Wellness – Resorts in Laguna zu besuchen und in einem nahe gelegenen Vulkan-Kratersee Jetski zu fahren.
Da ich bei den christlichsten der Christlichen gelandet bin wird Weihnachten den ganzen Dezember zelebriert, den ich und mein Kollege folglich komplett frei haben. Zunächst steht das 3-tägige Zwischenseminar auf der Insel „Cebu“ an, an dem sich alle 50 DED-Freiwilligen auf den Philippinen treffen. Anschließend werde ich mit einigen Anderen Urlaub am White Beach der Insel „Bohol“ machen. Weihnachten werden wir auch am Strand verbringen, wahrscheinlich auf „Palawan“ (Inlandsflüge kosten sehr wenig, meist unter 50 € hin und zurück). Ich hoffe darauf in dieser Zeit Besuch von Sebastian aus Vietnam zu haben, Details diesbezüglich müssen aber noch geklärt werden. In Manila werden wir schließlich ins neue Jahr hineinfeiern, das hoffentlich so viele Erfahrungen und Erlebnisse bringen wird wie das Vergangene (oder noch mehr?!).
Ich komme nun zu einem Ende. Längst ist noch nicht alles berichtet, dies kann aber auch nicht der Anspruch eines Blog Eintrags sein. Also -
Mit vielen, vielen Grüßen von den Philippinen,
Sascha
PS : Es gibt noch eine Version mit Bildern, die ich per email heute oder morgen rumschicke, wer sie nicht erhält aber gerne eine haben möchte soll mir schreiben....
Sehr schön, freut mich das bei dir alles passt!
AntwortenLöschenPass nur auf, das du denen nicht zuviele Fußball tricks verrätst, sonst zittern wir bei der nächsten WM vor denen!
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AntwortenLöschenhört sich echt super an ;) deine Aufageb ist es mit Bällen zu spielen!?! hättest es ja kaum besser treffen können :)
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